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von Michael Kotsch

Ein Massenphänomen?

Im Mai 2017 wurde dem ehemaligen Star-Chirurgen des schwedischen Karolinksa-Instituts, Paolo Macchiarini, fristlos gekündigt. Eine 2016 eingesetzte Untersuchungskommission war zu dem Ergebnis gekommen, dass zahlreiche Publikationen und Forschungsleistungen des Mediziners gefälscht waren. Im Jahr 2008 war Macchiarini mit der spektakulären Transplantation einer künstlichen Luftröhre berühmt geworden. Durch eine vorgeblich von ihm entwickelte Behandlung des Implantats mit Stammzellen solle – so stellte er es dar – die sonst übliche Abstoßung ausgeblieben sein.

Der Mediziner erhielt daraufhin zahlreiche Ehrungen, wurde weltweit als Gutachter herangezogen und als Professor nach Schweden berufen. Bis 2016 führte er an 18 Patienten aus den USA, Russland und Südafrika ähnliche Luftröhrenoperationen durch, die, wie die jetzt angestrengte Untersuchung ergab, größtenteils mit dem baldigen Tod der Betreffenden endete. In seinen von Fachmagazinen veröffentlichten Artikeln hingegen behauptete Macchiarini, seine spektakulären Eingriffe seien erfolgreich verlaufen, und untermauerte das mit gefälschten medizinischen Belegen. Im Nachhinein stellte sich heraus, dass sogar Teile seines Lebenslaufs, mit dem er sich in Schweden beworben hatte, frei erfunden waren. Leider handelt es sich hier nicht nur um einen bedauerlichen Einzelfall.

Wissenschaftsgläubigkeit – ein Irrtum

Die Wissenschaft gilt bis heute für viele Menschen als Garant von Wahrheit und Zuverlässigkeit. Gerade in der Aufklärung wurde die scheinbare Überlegenheit der Wissenschaft dem christlichen Glauben gegenüber voll ausgespielt. Der Glaube galt als etwas für zurückgebliebene Gemüter, eher als eine unsichere Hoffnung oder Vermutung. Wissenschaft demgegenüber habe allein mit Zahlen und Fakten zu tun, die durch entsprechende Experimente bewiesen und jederzeit überprüft werden könnten. Soweit zumindest lautete der idealistische Anspruch.

Bereits im 20. Jahrhundert traten die Grenzen der Wissenschaft immer deutlicher vor Augen. Insbesondere die Ergebnisse der Erkenntnistheorie machten deutlich, dass wissenschaftliche Theorien nur sicher falsifiziert werden können, nie aber sicher verifiziert. Sie können sich als falsch erweisen, aber ihre Wahrheit kann nicht letztlich erwiesen werden (Kritischer Rationalismus).

Die Wissenssoziologie wies darauf hin, dass Wissenschaft eben auch immer nur von Menschen gemacht wird, die ihrerseits anfällig für Ideologien, Wünsche und Hoffnungen sind. Die methodische Selbstbeschränkung jeder Wissenschaft führt dazu, dass die Ergebnisse der Forschung immer schon durch die Wahl der entsprechenden Methoden beschränkt werden. Die Heisenbergsche Unschärferelation wies nach, dass es schlicht unmöglich ist, eine ganz genaue Auskunft über ein bestimmtes subatomares Teilchen zu geben. Der Mathematiker Kurt Gödel erbrachte den Beleg, dass schlussendlich überhaupt nichts mit einem wirklich exakten Widerspruchsfreiheitsbeweis zweifelsfrei bestätigt werden kann.

Das allein stellt jede Form der Wissenschaftgläubigkeit grundsätzlich in Frage. Ganz unabhängig von den systemimmanenten Beschränkungen wissenschaftlichen Arbeitens wird der Wahrheitsanspruch der Forschung aber auch durch zahlreiche Skandale erschüttert. Und auch wenn große wissenschaftliche Institutionen abwiegeln, sind Fälschungen und Täuschungen längst zu einem verbreiteten Problem des Wissenschaftsbetriebs geworden.

Beispiele systematischer Fälschungen

Zum Vertiefen empfehlen wir folgenden Artikel von Russell Grigg: „Ernst Haeckel ‚Evangelist‘ für Evolution und ‚Apostel‘ für Betrug“

 

Die folgende Aufzählung enthält einige Beispiele für Fälschungen aus verschiedenen Wissenschaftsbereichen. Sie stellt nur eine kleine Auswahl dar.

  • Ernst Haeckels 1868 erstmals publizierte Embryonentafeln begründeten das von ihm formulierte Biogenetische Grundgesetz, nach dem beispielsweise der Mensch in seiner Embryonalentwicklung die Stationen seiner Stammesgeschichte durchläuft. Diese Ergebnisse trugen in Deutschland wesentlich zur Etablierung der Evolutionstheorie bei. Immer wieder wurde die Zuverlässigkeit von Haeckels Arbeit in Frage gestellt. Zuletzt wies der britische Entwicklungsbiologe Michael Richardson 1998 in der Fachzeitschrift Science nach, dass Haeckel gefälscht hatte.

  • Der indische Geologe Viswa Jit Gupta von der Panjab University veröffentlichte über 20 Jahre lang etwa 300 Publikationen mit aufsehenerregenden Erkenntnissen zur Geologie Indiens. Wie sich erst 1989 herausstellte, stammten seine vorgeblich indischen Fundstücke fast alle aus Marokko, den USA und China.

  • Im Jahr 1995 veröffentlichte Werner Bezwoda von der Universität Johannesburg / Südafrika aufsehenerregende Ergebnisse bei der Brustkrebsbehandlung mit einer Hochdosis-Chemotherapie. Tausende Frauen weltweit wurden in der Folge nach diesem Muster behandelt. Fünf Jahre später gab der Mediziner öffentlich zu, wesentliche Teile seiner Veröffentlichungen gefälscht zu haben.

  • Bis zum Jahr 2000 war Shin’ichi Fujimura einer der anerkanntesten Archäologen Japans. Über 20 Jahre hinweg entdeckte er zahlreiche spektakuläre Objekte aus der Geschichte Nippons. Dann filmten ihn Journalisten dabei, wie er Fundstücke vergrub und später offiziell wieder „entdeckte“. Daraufhin verlor der Professor seine Ausstellung und die japanischen Lehrbücher über Japan in der Steinzeit mussten umgeschrieben werden.

  • Jan Hendrik Schön, Nano-Physiker, fälschte Messdaten zum elektronischen Verhalten organischer Strukturen. Im Jahr 2001 publizierte Schön durchschnittlich alle acht Tage einen neuen Fachartikel. Er kündigte an, vor großen Durchbrüchen zu stehen und schon bald einen Hochtemperatur-Supraleiter und einen aus einem Molekül bestehenden Transistor präsentieren zu können. Schön war bereits als potenzieller Kandidat auf den Nobelpreis in der Diskussion, als ihm 2002 eine Untersuchungskommission nachwies, dass er in mindestens 16 Publikationen gefälschte Daten benutzt hatte. Zahlreiche Artikel wurden daraufhin zurückgezogen, und Schön verlor seine Anstellung.

  • Nach einer gründlichen Überprüfung zog die Fachzeitschrift Research Policy im Sommer 2007 einen Fachaufsatz des Ingolstädter Ökonomen Hans Werner Gottinger zurück. Der anerkannte Direktor des Fraunhofer-Instituts für natur­wissenschaftlich-technische Trendanalysen in Euskirchen hatte in mehreren seiner Veröffentlichungen ganze Passagen aus fremden Studien abgeschrieben und nicht gekennzeichnet. Außerdem stellte sich bei weiteren Recherchen heraus, dass Gottinger auch in seiner Vita einige wissenschaftliche Anstellungen frei erfunden hatte.

  • Mehr als zehn Jahre lehrte Diederik Stapel als Professor für Sozialpsychologie an verschiedenen niederländischen Hochschulen. In dieser Zeit veröffentlichte er über 100 Aufsätze und war Herausgeber von Büchern und internationalen Fachzeitschriften. Viele seiner Veröffentlichungen haben weltweit ein breites Medienecho gefunden; beispielsweise seine 2011 in der Zeitschrift Science publizierte Studie, nach der eine unordentliche Umgebung Diskriminierung von Menschen befördert. Im gleichen Jahr veröffentlichte Stapel eine Studie, nach der Menschen, die daran denken, Fleisch zu essen, sich weniger sozial verhielten als andere Menschen. Auch wenn er damit den Nerv des veganen Megatrends traf, wurde zeitgleich nachgewiesen, dass Stapel die seinen Studien zugrundeliegenden Daten jahrelang weitgehend erfunden hatte.

  • Der japanische Anästhesiologe Yoshitaka Fujii wurde 2012 von der Universität Toho entlassen, nachdem deutlich wurde, dass er die Daten einiger Studien gefälscht hatte. Die noch nicht abgeschlossene Überprüfung seiner 193 weltweit publizierten Forschungsaufsätze kam bisher zu dem Ergebnis, dass etwa die Hälfte aufgrund unsauberer Arbeitsweise zurückgezogen werden müsste.

  • Dipak Das von der University of Connecticut (UCHC) wurde 2012 überführt, in mindestens 23 wissenschaftlichen Publikationen gefälscht zu haben. Auch sein am häufigsten zitiertes Forschungsergebnis über den positiven Nutzen des Weintrinkens für die Gesundheit gehörte zu seinen geschönten Studien.

  • Im Frühjahr 2017 wurde die Fälschung einer im anerkannten Fachmagazin publizierten Studie bekannt. In ihrer Untersuchung bestätigten die Ökologen Oona Lönnstedt und Peter Eklöv von der Universität Uppsala die Erwartung vieler Umweltverbände, dass Plastikmüll im Meer zum Sterben von Fischen führt. Schnell wurde die Mikroplastikstudie durch zahlreiche Medienberichte bekannt. Obwohl sich die scheinbar gesicherten Ergebnisse in den Köpfen festgesetzt haben, musste die Untersuchung aufgrund erfundener Daten und unsauberer Methodik zurückgezogen werden.

 

Keine Einzelfälle

Die Liste von wissenschaftlichem Fehl­verhalten umfasst das Erfinden oder Fälschen von Daten, die Manipulationen von Abbildungen, Plagiate oder das Verheimlichen unliebsamer Daten. Die Beispiele sind zahlreich und betreffen jeden Bereich der Wissenschaft. Sowohl Anfänger als auch anerkannte Koryphäen greifen gelegentlich zu illegitimen Methoden. Und oft dauert es viele Jahre, ehe ein Betrug auffällt. Selbst dann versuchen die meisten Wissenschaftsorganisationen, den Skandal lange Zeit unter Verschluss zu halten, um dem eigenen Renommee nicht zu schaden. Verschiedene Studien legen nahe, dass Fälschungen in der Wissenschaft ein durchaus weit verbreitetes Phänomen ist.

Eine Studie an der Universität Bielefeld aus dem Jahr 2012 kommt zu dem Ergebnis, dass fast alle Studenten gelegentlich wissenschaftlich betrügen. 79 % der Studierenden gaben bei einer anonymen Umfrage zu, in den letzten sechs Monaten mindestens einmal geschummelt zu haben. Mehr als jeder Dritte hatte in einer Klausur (37 %) abgeschrieben. Jeder Vierte (24 %) hatte Daten gefälscht oder erfunden. Und fast jeder Fünfte (18 %) hatte bei schriftlichen Arbeiten plagiiert.

Ein ganz ähnliches Bild bietet sich auch in der professionellen Wissenschaft: Eine Befragung von Tausenden US-Wissenschaftlern aus dem Jahr 2005 ergab, dass jeder Dritte schon einmal in seinem direkten Umfeld mit wissenschaftlichem Fehlverhalten konfrontiert wurde. Häufig ging es dabei um die nachträgliche Veränderung der Methodik, die Weglassung unangenehmer Versuchsergebnisse oder die ungekennzeichnete Übernahme fremder Forschungsergebnisse. Eine vergleichbare Studie aus dem Jahr 2010 kommt für Deutschland und Österreich zu einem vergleichbaren Ergebnis. Jeweils 26 % hatten erlebt, dass Projekte nicht ausreichend dokumentiert waren oder dass Resultate aufpoliert wurden.

Die Gründe, warum Wissenschaftler ihre Ergebnisse fälschen, sind unterschiedlich. Eine große Rolle spielt der Erwartungsdruck, unter dem viele Forscher stehen. Sie konkurrieren weltweit mit anderen Teams und wissen, dass nur der erste den Ruhm und die wichtigen Forschungsgelder erhalten wird. Manche Wissenschaftler sehen ihre Anstellung in Gefahr, wenn sie nicht regelmäßig publizieren. Weil ihnen die Zeit für seriöse Untersuchungen fehlt, erfinden sie Forschungen, die sie teilweise von früheren Projekten ableiten. Andere Wissenschaftler ahnen das Ergebnis ihrer Forschungen, gelegentlich sogar ganz zutreffend. Weil ihnen aber die nötige Geduld fehlt, kürzen sie den Weg mit gefälschten Daten ab. Oft sind auch einfach die gefundenen Daten zu schwach, um das gewünschte Ergebniss daraus ableiten zu können. Der Versuchung, die Daten dann aufzublähen, widerstehen einige Forscher nicht.

Manche Wissenschaftler haben sich selbst in einen Teufelskreis gebracht, indem sie erst hohe Erwartungen bei ihren Auftraggebern weckten, die sie später nur noch durch Mogeleien erfüllen konnten. Recht häufig kommt es auch dazu, dass Wissenschaftler ihre Ergebnisse im Sinne des Auftrag- oder Geldgebers schönen, weil sie auf künftige Forschungsmittel hoffen. Es gehört inzwischen zum ethischen Standard, dass grundsätzlich Auftraggeber und Finanzierer von wissenschaftlichen Studien genannt werden.

Bei wissenschaftlichen Fälschungen handelt es sich nicht nur um nebensächliche Kavaliersdelikte, sondern um ein schwerwiegendes und umfassendes Problem. Durch falsche wissenschaftliche Ergebnisse sterben zahlreiche Menschen, finanzielle Mittel werden sinnlos investiert, andere Forscher bauen auf den falschen Ergebnissen auf, politische Entscheidungen werden aufgrund dieser Daten getroffen und das Vertrauen in die Wissenschaft nimmt nachhaltig Schaden.

Eine echte Lösung für das Problem der wissenschaftlichen Fälschungen gibt es bisher nicht. Renommierte Zeitschriften stellen Gutachter ein, die oftmals keine Zeit haben, jede Studie gründlich nachzuvollziehen. Leider sind unter den Gutachtern auch Personen, die selber unsauber arbeiten. Außerdem hat dieses System die Publikation von zahlreichen gefälschten Artikeln in der Vergangenheit nicht verhindern können. Interne Untersuchungskommissionen an wissenschaftlichen Einrichtungen können immer nur einen kleinen Teil der durchgeführten Studien überprüfen. Außerdem kosten sie viel Geld, das wiederum der eigentlichen Forschung fehlt.

Eine gewisse Hilfe sind auch Internetseiten wie Retraction Watch oder PubPeer, die Studien auf Stimmigkeit und Plagiate hin untersuchen. Allein das Risiko, hier auffliegen zu können, hält manchen Wissenschaftler davon ab, geschönte Ergeb­nisse zu publizieren.

Die einzig wirklich erfolgreiche Strategie aber ist die Ausbildung integerer Wissen­schaftler, weil sie an der eigentlichen Quelle der Fälschungen ansetzt. Schlussendlich entscheidet nämlich vor allem die Persönlichkeit des Forschers darüber, wie schnell er bereit ist, zu illegitimen Mitteln zu greifen. Hier könnte der Glaube an Gott eine Rolle spielen. Wer sich vor Gott verantwortlich weiß und wer das Wahrheitsgebot der Bibel verinnerlicht, wird seltener fälschen als jemand, der keine ethischen Grenzen kennt. Für die Persönlichkeitsbildung künftiger Wissenschaftler wird leider jedoch so gut wie keine Zeit investiert.