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von AL

Eine kurze Betrachtung der Starken und der Schwachen

Sonne und Mond – zwei uns stetig begleitende und vertraute Lichter. Die Sonne: immer Feuer und Flamme, explosiv, unbändig und unnahbar. Selbst der Pluto muss sich noch ihrer Kraft beugen. Im Gegensatz dazu der Mond: schwach und klein – aber nahbar, fast greifbar. Unaufdringlich und sanft im Auftreten, bescheiden in seiner Kraftentfaltung. Wenn auch ohne eigene Leuchtkraft vermag er es, uns immer wieder mit einem neuen Wolken-Lichtarrangement zu überraschen.

Gott schuf beide Lichter – den schwachen Mond und die starke Sonne. Gänzlich gegensätzlich sprechen sie von Gottes Weisheit und Allmacht. Betrachten wir seiner Hände Werk, sehen wir eine unzählbare Menge kleiner und großer Lichter, unterschiedlichster Art. Mit kleinen und großen Kräften. Mit ihren jeweils schwachen und starken Wirkungen, die das ganze Universum durchziehen und verbinden. Diese Kräfte zu entwirren und vollständig zu beschreiben ist, wie mir scheint, unmöglich.

So unterschiedlich oder gegensätzlich Gott die Himmelskörper machte – sie stehen in keinem Wettbewerb zueinander. Weder hadern sie noch brüsten sie sich mit ihrer Position. Seitdem sie geschaffen wurden, sind sie, was sie sind. Obwohl ihre Kräfte aufeinander wirken, sind sie nicht darauf aus, einander etwas zu Leide zu tun, noch sich irgendwie anders hervorzutun.

Wir können dieses Bild auf uns Menschen anwenden und daraus lernen. Wie auch die Himmelskörper sind wir „...auf ihn hin geschaffen“ (Kol 1:16). Im Unterschied zu den Lichtern am Himmel sind wir nur ganz und gar nicht mehr so, wie wir geschaffen wurden. Wir haben unsere „Gott-Ähnlichkeit“ gründlich ruiniert. Die Sünde hat uns entstellt. Wir sind fähig geworden, Streit und Hass, Krieg und Leid, Egoismus und Heuchelei zu säen und zu ernten. An Gott glaubend oder nicht, die Sünde liebend oder begnadigter Sünder – „...auf ihn hin geschaffen“, ein Erbe, das uns zu schaffen macht. Nur zu gerne lassen wir uns immer noch einflüstern: „...du wirst sein, du bist, wie Gott“!

Wir Menschen unterscheiden uns zum einen in unserer äußerlichen Beschaffenheit und sind beispielsweise unterschiedlich kräftig. Zum anderen – und viel komplexer – unterscheidet sich aber der seelische Bereich unseres Menschseins. Zur Erinnerung: Gott blies den Odem, die lebendige und empfindsame Seele, in uns. Wir sind vielmehr, als komplexe Chemie. Wir haben unglaubliche geistige Fähigkeiten und eine geistliche Grundveranlagung. Unverkennbar also das göttliche Erbe in jedem Menschen und unverkennbar unsere Schwierigkeit, dieses ruinierte Erbe zu verwalten und nur allein „auf ihn hin“ zu entfalten.

 

Da haben wir auf der einen Seite die starke Persönlichkeit. Wir nennen sie „stark“, denn offensichtlich eilt sie von Sieg zu Sieg. Es kann unbändige Produktivität sein, eine schnelle Auffassungsgabe, eine überlegene Rhetorik, eine natürliche Begabung oder Attraktivität, die einen Menschen stark erscheinen lässt. Der Starke verfügt über eine natürliche Leichtigkeit, klingt optimistisch und hat eine unkomplizierte Seele. Das macht ihn umgänglicher und wiederum stärker. Alles in seinen Händen scheint zu gelingen und sich in Gold zu verwandeln. Er scheint niemals verlegen und nie verzweifelt zu sein. Selbstzweifel sind ihm gründlich fremd und er ist sich des göttlichen Segens sicher – wenn es dafür auch meistens nicht viel mehr als ein leicht besseres Abschneiden im direkten Vergleich, namentlich mit den „Schwachen“, braucht. Er ist bereit, den anderen den Weg zu weisen. Würde man es ihm gleichmachen, wäre viel gewonnen. Er ist überzeugt von seinen guten Motiven und seine Argumente sind überzeugend. Mit Selbstsicherheit legt er alles dar, was Gott und Theologie betrifft. Sein Wort hat Gewicht und wird genauer bedacht. Er ist zum Kampf bereit. Der Schweizer Arzt und Psychologe Paul Tournier schreibt in seinem lesenswerten Buch „Die Starken und die Schwachen“ über die Starken: „Nichts macht sie stärker, als wenn sie sich derart als Vorbilder genommen sehen. Unsere schönsten spirituellen Erfahrungen sogar können uns zur beherrschenden Waffe dienen, wenn wir nicht auf der Hut sind. Selbst wenn wir unsere Fehler und die von Gott empfangene Vergebung gesprächsweise erwähnen, können wir die schmeichelhafte Freude kosten, uns als Muster zu geben.“ (S. 181)

Der Schwache sieht all dies und bewegt es in seiner Seele. Und je mehr er den Starken von Erfolg zu Erfolg eilen sieht, desto mehr verzwergt er sich. Selbstzweifel beschäftigen ihn und lähmen seinen Geist und gleichzeitig Tatkraft und Kreativität. Er ist der Intuitivere, der Mitleidendere, der Unscheinbarere. Seine Seele erscheint kompliziert und seine Empfindungen sind schwer nachzuempfinden. Er bemerkt an seinem Gesprächspartner die geringste, ihm geltende, Regung von Abwehr, Kritik, Ironie oder Verachtung. Von Misserfolgen und Minderwertigkeitsgefühlen gebeugt zweifelt der Schwache schließlich an sich selbst und wagt nicht, zu beten und zu glauben, wagt nicht, Gottes Liebe für sich in Anspruch zu nehmen. Und während ein Starker aufgrund seines Temperamentes seine religiöse Erfahrung gerne zum Besten gibt und sich selber in etwas zu rosigem Licht wahrnimmt, wird der Schwache davon nur noch mehr erdrückt. Er schleicht sich davon, im Glauben, nie etwas Wirksames für Gott zu tun. Stets sind ihm seine Fehler und Mängel vor Augen und er fühlt sich kraftlos und erdrückt von den Kümmernissen des Lebens.

 

Dies sind nur einige Merkmale eines „starken“ und „schwachen“ Lichts, wie sie sich im Alltag bemerkbar machen. Wahrscheinlich sind sie nie in nur einer Person vereinigt sind und sie äußern sich auch meistens in einer milderen Form. Sicher haben wir im Verlauf der Beschreibungen den ein oder anderen gedanklich in diese oder jene Kategorie gesteckt. Es sind solche und dergleichen Parameter mehr, die uns oft, selbst nach einem flüchtigen Kontakt mit einem Menschen, erkennen lassen, welchem Lager sich dieser Mensch zugehörig fühlt.

Aber Gott sieht uns so, wie wir in Wahrheit sind. Er kennt uns „wahrer“ als wir uns selbst. Paul Tournier schreibt: „In Wahrheit sind sich die Menschen bei weitem ähnlicher, als sie es wahrhaben wollen. Was sie unterscheidet, ist ihre äußere – prächtige oder abstoßende – Maske, ist ihre Art, nach außen – stark oder schwach zu reagieren. Aber diese Hüllen verbergen eine im innersten Kern identische Persönlichkeit. Diese Maske, diese Art des Reagierens, täuschen alle Welt, die Starken wie die Schwachen. In Wahrheit sind alle Menschen schwach. Alle sind schwach, weil alle sich fürchten. Sie fürchten alle, im Leben erdrückt zu werden. Sie fürchten alle, man möchte hinter ihre heimliche Schwäche kommen. Sie haben allesamt gewisse verborgene Flecken. Sie haben allesamt die nagende Erinnerung an bestimmte Handlungen, die sie nicht aufgedeckt sehen möchten. Sie haben alle Angst vor den anderen Menschen und vor Gott, vor sich selber, vor dem Leben und vor dem Tode. – Sie alle wissen, dass in ihrem intimen Leben sie alle fühlen, dass das Mysterium des Lebens viel größer ist, als sie es sagen, und dass das unbekannte Morgen ihre Schwäche mit einem Schlag enthüllen kann. Was die Menschen voneinander unterscheidet, ist nicht ihre innerste Natur, sondern nur die Art und Weise, wie sie auf das gemeinsame große Elend reagieren.“ (S. 17)

Gottes Plan für uns ist nicht, aus dem einen ins andere Lager zu wechseln. Der Starke wie der Schwache haben in Gottes Heilsplan ihren Platz und sind wertvoll. Aber während sich der Starke dieser Wahrheit gewiss ist, hat der Schwache große Mühe damit. Paul Tournier dazu: „Die gründliche Heilung des Menschen liegt weder in seinen starken noch in seinen schwachen Reaktionen. Denn sie hängt ab von einer wahrhaften Lösung seines inneren Grundkonfliktes. Sie kann nicht auf der Ebene der Psychologie gefunden werden, sondern einzig auf der Ebene des Geistes.“ (S. 32)

Die Lösung ist eben nicht der Sonne zum „Mond-Sein“ zu raten und den Mond zum „Sonne-Sein“ zu motivieren. Gott möchte den Starken davon heilen, den Schwachen zu erdrücken und ihn gering zu achten. Hierin liegt eine große Verantwortung! Viel zu oft verwechselt der Starke seine natürliche Stärke und Begabung mit geistlicher Stärke, merkt dabei nicht, wie der Schwache immer mehr unter die Räder kommt und gleichzeitig das Feuerholz für diese seine angebliche Stärke ist.

Das größte Zeugnis eines Starken besteht weniger in seinen glanzvollen Handlungen oder in der Macht, die er durch seine Gedanken und durch sein Wort ausübt, als darin, demütig, duldsam und milde zu werden. Das ist umso schwerer, wenn er eine weithin sichtbare Rolle spielt und weil es nicht mehr darum geht, anderen zu imponieren, was ihm natürlich war, sondern sich selber zu überwinden. Das sind wahre Siege. Wahre Zeugnisse der Macht Gottes.

Aus seiner reichhaltigen Praxis weiß Paul Tournier über die Bürde der Starken zu berichten: „Je größeres Ansehen diese Menschen in der Gesellschaft genießen, je einflussreicher, bekannter, geehrter sie sind, desto größer ihre Scham und ihre Verlegenheit, wenn sie eine Beichte ablegen sollen. Das Leben so mancher Erzieher, Industrie-Ritter, Richter, Ärzte, oder Kirchenmänner wird dadurch zum Drama. Diese Menschen quält mitunter, mitten in ihrer ehrenvollen Laufbahn, ein schreckliches Gefühl, Heuchler zu sein, ... . Die vornehmsten Leute haben niedrige Gedanken, die sie nicht beichten können, ohne die heftigsten Widerstände ihrer Eigenliebe zu überwinden. Die Mutigsten bewahren die Erinnerung an staunenswerte Feigheiten; die Korrektesten das Gedenken an Handlungen oder an Phantasien, die sie erröten lassen.“ (S. 95)

Zurecht heißt es somit in Jeremia 9:22: ...der Starke rühme sich nicht seiner Stärke“ und die Worte von Paulus bekommen eine tiefere Bedeutung: „Und er hat zu mir gesagt: Lass dir an meiner Gnade genügen, denn meine Kraft wird in der Schwachheit vollkommen! Darum will ich mich am liebsten vielmehr meiner Schwachheiten rühmen, damit die Kraft des Christus bei mir wohne.“ (2Kor 12,9)

In Wahrheit hat also der Schwache einen besseren Zugang zu der Kraft Christi und ist ihr ein größeres Zeugnis. Wo der eine von Natur aus zu predigen versteht, tut es der andere aus der Kraft Christi. Wo der eine von Natur aus stark reagiert, vermag es der andere auch – aber in der Kraft Christi. Das sind wiederum wahre Siege. Wahre Zeugnisse der Macht Gottes.