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von Eduard Wall

Wie kann ein Mensch Gott nahen?

Die Bibel beginnt mit dem Bericht über die Schöpfung des Himmels und der Erde. Es wird eine Welt beschrieben, in der keine Sünde, keine Krankheit und kein Tod existieren. Außerdem wandelt (hebr. הָלַךְ, halach) Gott, der Ursprung allen Lebens, in der Mitte des Gartens Eden bei den Menschen (1Mo 3:8). Es liegt eine ungestörte Gemeinschaft zwischen Gott und Mensch vor. Das Buch der Offenbarung, und damit die Bibel, endet mit der Schöpfung des neuen Himmels und der neuen Erde. Auch hier gibt es keine Sünde, keine Krankheit und keinen Tod. Diese neue Schöpfung ist ebenfalls geprägt von der ungestörten Gemeinschaft zwischen Gott und dem Menschen, denn „er wird bei ihnen wohnen“ (Off 21:3 nach der Elberfelder Übersetzung).

Aber was ist in der Zwischenzeit passiert? Welche Möglichkeit bestand für den Menschen in die Gegenwart des lebendigen Gottes zu treten, nachdem die Sünde in die Welt eingetreten ist? Und warum ist die Koexistenz zwischen Gott und dem Menschen in der neuen Welt wieder möglich? Wer hat es ermöglicht?

Nach dem Schöpfungsbericht erfährt die Schöpfung die größte Katastrophe aller Zeiten, nämlich die Trennung von ihrem Schöpfer und Gott. Aufgrund der Sünde ist eine leibliche Begegnung mit Gott nicht mehr möglich. Der Mensch hat sich von ihm getrennt und abgewandt. Gott ist Leben, am Menschen haftet der Tod. Gott ist unvergänglich, der Mensch aber vergänglich.

In 1. Mose 12 erwählt Gott sich einen Mann, durch dessen Nachkommen, dem Volk Israel, der Schöpfer wieder in der Mitte der Menschheit leben möchte. Er befiehlt ihnen den Bau einer Stiftshütte bzw. dem Zelt der Begegnung ( hebr. אֹ֤הֶל מוֹעֵד֙, ohel mo’ed), von dem es heißt: „Ich will meine Wohnung in eure Mitte setzen, und meine Seele soll euch nicht verabscheuen; und ich will in eurer Mitte wandeln (hebr. וְהִתְהַלַּכְתִּי֙, we’hithalachti) und euer Gott sein“ (3Mo 26:11,12). Dieses Zelt, wie auch der spätere Tempel, ähneln dem Garten Eden, da man nun hier Gott begegnen kann. [1] Sowohl das Volk Israel als auch das Zelt der Begegnung dienen dem Rest der Menschheit, den Völkern, als Anschauungsunterricht (5Mo 4:5-9). Anhand dieses Zeltes der Begegnung zeigt Gott der Menschheit, warum ein Zutritt zu ihm momentan lebensgefährlich und unter welchen Umständen ein Zutritt zu ihm möglich ist. Gott ist rein, der Mensch unrein. Er ist heilig, wir sind unheilig. Der Eintritt des Menschen zu Gott ist zu gefährlich. [2]

So beginnt das Buch Levitikus mit den Worten: „Wenn ein Mensch von euch dem Herrn eine Opfergabe darbringen will, so sollt ihr vom Vieh, vom Rind- und Kleinvieh, eure Opfergabe darbringen.“ (3Mo 1:2). Die Wortwurzel (hebr. קָרַב, karav) des Begriffes Opfergabe ( hebr. קׇרְבָּן, korban) hat die Bedeutung „sich nähern, nahe sein“.[3] Also könnte man auch sagen, wenn jemand dem Herrn etwas nahebringen möchte, dann soll er sich mit einem Opfer von den oben genannten Tieren nahen. [4] Der Grundton ist dabei: da ein Mensch sich Gott nicht nahen kann, muss er einen Stellvertreter schicken. Und durch das korban, die Opfergabe, kann der Mensch sich Gott nahen. Also war Blut unschuldiger Tiere das einzige Mittel, welches diesen Zutritt ermöglichte. Gott zu nahen ist eine kostspielige Angelegenheit. Die einzige Währung ist das Blut eines Unschuldigen.

Diese Begegnung war damals einzigartig, denn die Gegenwart bzw. Erscheinung Gottes war in dem Zelt (vgl. 3Mo 9:4,9:6,9:23; 3Mo 16:2) und später im Tempel (vgl. Mt 23:21; Lk 2:49; Joh 2:16). Eine Tatsache, die es heute nicht mehr gibt. Wir können Gott nicht leibhaftig begegnen (2Mo 40:35; 3Mo 16:13; 1Tim 6:16), sondern uns ihm nur im Geiste nahen, denn es gibt keine Stiftshütte und keinen Tempel in Jerusalem mehr.

Sühnung durch das Blut

Durch das Blut wurde Sühnung von den Unreinheiten und Sünden der Israeliten für das Heiligtum, dem Altar, dem Zelt der Begegnung und dem Opfernden erreicht (vgl. 3Mo 16:16,19).

Das hebräische Wort (hebr. כָּפַר, kafar), was die meisten […] Übersetzungen als Sühnung wiedergeben, kann die Vergebung der Sünden und Beseitigung der Schuld bezeichnen. Aber die levitische Bedeutung dieses Wortes beinhaltet weitere Bedeutungen. Es ist hilfreich, wenn man kafar auch als Reinigung von geistlicher Beschmutzung ansieht. In diesem Sinne beinhaltet Sühnung auch die Reinigung von Elementen, die Gott verabscheut: Sünde, rituelle Unreinheit und andere zeremonielle oder moralische Verunreinigungen, die die Anwesenheit Gottes verdrängen. Ohne diese Reinigung kann ein Mensch sich Gott nicht nahen. Und ohne die Reinigung des Heiligtums und der heiligen Geräte, kann die Gegenwart Gottes nicht im Zelt der Begegnung oder dem Tempel verbleiben. [5] Daher bedurften das Heiligtum, der Altar und die Priester einer Sühnung durch das Blut der Tiere.

Von dem Wort kafar wird auch die Bedeutung des Lösegelds und des Loskaufgelds abgeleitet (vgl. 2Mo 21:30; 4Mo 35:31). Dabei wird jemand für einen bestimmten Preis von den Folgen seiner Tat erkauft.

Warum war Blut notwendig?

Nach 3. Mose 17:10 ist die Seele des Fleisches im Blut. Das Leben und die Lebenskraft eines Tieres und eines Menschen sind in ihrem Blut. Dabei steht das Blut nicht für den Tod, sondern für das Leben, welches beim Tod/Opfer vergossen wird (vgl. 2Sam 23:17).

Vor dem Schächten des Tieres musste der Opfernde dem Tier seine Hände auflegen. Diese Handlung diente als Übertragung der Identität des Menschen auf das Tier. Das hebräische Wort samach wird auch gebraucht, wenn Israel seine Hände auf die Leviten legt und sich somit mit ihnen identifiziert und ihnen die Autorität überträgt, in ihrem Namen die gottesdienstlichen Aufgaben durchzuführen. [6] Ähnlich legt Mose seine Hände auf Josua und überträgt somit seine Identität auf ihn. [7] Übertragen auf den Opferritus identifiziert sich der Opfernde mit dem unschuldigen und unbefleckten Opfertier und überträgt ihm seine Identität. Nach der Händeauflegung wird das Tier geschlachtet und dessen Blut in einem Gefäß aufgefangen und an den Altar gesprengt. In diesem Vorgang ist nicht der Tod des Tieres das Ausschlaggebende, sondern das Sprengen seines Blutes. Der Tod bewirkte nichts, sondern war nur ein Mittel, um das Blut zu erlangen. In Gottes Augen sprengt der Priester das Blut des Opfernden an den Altar, denn der Israelit hat seine Identität auf das Opfertier übertragen. Nachmanides beschreibt in seinem Kommentar, dass der Opfernde beim Darbringen des Opfers sich bewusst sein sollte, dass er es eigentlich war, dessen Blut vergossen werden musste. [8]

Das Blut bedeckt/schützt und reinigt die Umgebung vor der Heiligkeit Gottes aufgrund der Unreinheiten. Um die Bedeutung der Unreinheiten zu verstehen, müssten wir die Kapitel 11-15 im Buch 3. Mose studieren. Nicht nur Sünde bewirkte im alten Israel Unreinheit, sondern auch das Verzehren von unreinen Tieren, der Aussatz, körperliche Ausflüsse und die Geburt eines Kindes. Generell ist es sehr schwierig zu erklären, warum bestimmte Tiere, körperliche Ausscheidungen und die Geburt eines Kindes eine/n Israelitin/Israeliten unrein machten. Jacob Milgrom und Gordon Wenham [9] verbinden die Unreinheiten der Kapitel 11-15 mit dem Tod bzw. der Sterblichkeit des Menschen. Diese Elemente verunreinigten das Zelt der Begegnung und das ganze Land, in welchem Gottes Gegenwart anwesend sind. Sie zeugen von der Vergänglichkeit des Menschen und von den Folgen des Sündenfalls. Am Versöhnungstag sollte das Heiligtum von diesen Unreinheiten und den Sünden Israels gereinigt werden, denn „(t)he aim of these rituals is to make possible God‘s continued presence among his people (das Ziel dieser Rituale ist es, die fortdauernde Gegenwart Gottes unter seinem Volk zu ermöglichen).“[10] Der Autor des Hebräerbriefes bestätigt die Bedeutung des Blutes der Tiere: „Denn wenn das Blut von Stieren und Böcken und die Besprengung mit der Asche der jungen Kuh die Verunreinigten heiligt zur Reinheit des Fleisches…“ (Hebr 9:13). Für die Reinigung des Fleisches eines Israeliten in Bezug auf den Tempel war dieses Blut notwendig und erzielte auch seine Wirkung. Es war Gottes Anordnung an Israel, dass sie diese rituelle Reinigung durchführen sollten. Aber niemals konnte dieser Opferritus das Gewissen und den Geist des Opfernden reinigen. Dazu bedarf es eines besseren Opfers.

Das Blut Jesu – die Währung Gottes

Das Opfer Jesu ist besser als das Opfer von Stieren und Böcken. Denn der Hebräerbrief sagt uns, dass das Blut der Tiere in Bezug auf Vergebung der Sünden keine Wirkung hatte. Noch nie! Es gibt nur ein einziges Opfer, durch welches die Menschheit von je her Erlösung und Vergebung ihrer Sünden erhalten kann. Es ist das Blut des Lammes Gottes. Und diese Erlösung und Reinwaschung erlangen wir nur durch Reue und Glauben. Dieses Blut hat solch eine Auswirkung, dass es unser Gewissen reinwaschen kann von den toten Werken. Es wirkt hinein bis in unser Inneres. Johannes schreibt dazu: „Wenn wir unsere Sünden bekennen, so ist er treu und gerecht, dass er uns die Sünden vergibt und uns reinigt von aller Ungerechtigkeit“ (1Joh 1:9). Und in der Offenbarung heißt es: „Ihm, der uns geliebt hat und uns von unseren Sünden gewaschen hat durch sein Blut“ (Off 1:5).

Das Blut Jesu hat die Kraft unsere Seele zu erkaufen. In der Apostelgeschichte sagt Paulus zu den Gläubigen: „So habt nun acht auf euch selbst und auf die ganze Herde, in welcher der Heilige Geist euch zu Aufsehern gesetzt hat, um die Gemeinde Gottes zu hüten, die er durch sein eigenes Blut erworben hat!“ (Apg 20:28) Petrus schreibt den Gläubigen, dass sie von dem gottlosen Leben „mit dem kostbaren Blut des Christus als eines makellosen und unbefleckten Lammes“ (1Petr 1:18-19) erlöst worden sind (vgl. Eph. 1:7). Und zwar mit einer ewigen Erlösung (vgl. Hebr 9:12).

Wir sind sterblich, ohne Christus „Sklaven der Unreinheit und der Gesetzlosigkeit“ (Rö 6:19 nach der Elberfelder Übersetzung), an den Tod geknechtet (vgl. Rö 8:10). Paulus ruft in Römer 7:24 aus: „Wer wird mich erlösen von diesem Todesleib?“ Das Gesetz des Geistes des Lebens in Christus befreit den Glaubenden an Christus von dem Gesetz der Sünde und des Todes (Rö 8:2).

Den Empfängern des Epheserbriefes aus den Nationen schreibt Paulus, dass sie tot waren in ihren Vergehungen und Sünden, in denen sie einst gelebt haben nach dem Zeitlauf dieser Welt (Eph 2:1). Über sich und die anderen jüdischen Gläubigen schreibt Paulus: „uns, die wir tot waren durch die Übertretungen“ (Eph. 2:5). Aber durch das Blut Jesu sind sie, die aus den Nationen, Gott nahe gekommen. Durch das Kreuz wurde die Feindschaft, zwischen Juden und den Nationen (auch Heiden genannt) und zwischen Gott, beendet (Eph 2:13). In Römer 5 spricht Paulus über die Rechtfertigung durch das Blut Jesu, durch welches wir Gott nahen können (Rö 5:1-2). Deshalb wird ein Zusammenleben zwischen Gott und den Menschen wieder möglich sein, weil das Blut Jesu uns von allen Unreinheiten reinigt, uns erkauft hat und uns Gott nahen lässt. Es gibt kein anderes Mittel, um Gott zu nahen, als das Blut Jesu.



[1] Joshua Berman, The Temple, Eugene (Oregon) 1995, S. 28.

[3] J. Kühlewein, Westermann, קרב sich nähern, in: (Hrsg.) Erst Jenni, Claus Westermann, Theologisches Handwörterbuch zum AltenTestament, Gütersloh 1971, S. 674.

[4] D. Thomas Lancaster, Torah Club Volumen 5, Messianic commentary on the weekly portions, Marshfield (Missouri) 2006, S. 504.

[5] D. Thomas Lancaster, What about the sacrifices?, S. 13-14.

[6] Vgl. Joshua Berman, The Temple, S. 118.

[7] Die Ordination eines Rabbiners wird heute smicha genannt, abgeleitet von unserem Wort samach. Dabei überträgt ein älterer Rabbiner seine Identität und Autorität auf den angehenden Rabbiner.

[8] So zitiert in: Joshua Berman, S. 118-119.

[9] Vgl. Jacob Milgrom, Leviticus 1-16 A New Translation with Introduction and Commentary, New York 1991, S. 1002; Gordon J. Wenham, The Book of Leviticus. New International Commentary on the Old Testament, Grand Rapids (Michigan) 1979, S. 339.

[10] Gordon J. Wenham, The Book of Leviticus, S. 411.